Wir sind der 16. Lehrgang

Anne Jeschke

Anne Jeschke

…hatte einen frühen Förderer: den Großvater mit Führerschein. Er versicherte glaubhaft, gerne zwei Stunden im Auto zu warten, damit seine Enkelin von der Kreisversammlung der Freiwilligen Feuerwehr berichten kann. Schützenfest, Geflügelzuchtausstellung, Laien-Theater: die Klassiker, alle mitgemacht, jahrelang – ja, auch der arme Opa. Dann endlich selbst alt genug: für den Führerschein und für die Flucht aus der nordrhein-westfälischen Provinz. Sie studierte Journalistik in Leipzig, schrieb tagsüber als Volontärin Artikel für den “Mannheimer Morgen” und nachts ihre Masterarbeit. Einmal begleitete sie für eine Reportage einen Containerkranführer beim Löschen einer Schiffsladung. Blitzverliebt blieb sie stundenlang neben ihm sitzen – und beschloss, schon bald das nächste Containerschiff nach Rotterdam zu nehmen. Nach kleinen und großen Abenteuern als freie Journalistin geht’s nun nach Reutlingen. Da will sie endlich lernen, wie man Geschichten so erzählt, dass sie den Leser:innen nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Astrid Probst

Astrid Probst

… wird oft als „Roasn“ bezeichnet. Für Nicht-Bayern: Das ist eine Person, die ständig unterwegs ist. Und das ist sie, ob in der Ukraine, in Namibia oder Dänemark. Geboren und aufgewachsen im niederbayerischen Straubing, prägten der bairische Dialekt und ein kleinstädtisches Umfeld ihr Leben. Bis zur vierten Klasse träumte sie davon, Reitlehrerin zu werden, hat sich dann aber auf ihr zweites Hobby konzentriert: Lesen - und kam so zum Schreiben. Seit ihrer Banklehre kann sie ihre IBAN und BIC im Schlaf aufsagen. Die gab sie dann dem BAföG-Amt und studierte in München und Kopenhagen Politikwissenschaft und Soziologie. In Namibia begleitete sie den Präsidenten am „Nationalen Mülltag“ mit der Mission, Namibia von Plastik und Schrott zu befreien – hat natürlich nicht geklappt. Zurück in München begann sie ihren Master in Politikwissenschaft und arbeitete als freie Journalistin. Vor Sonnenaufgang war sie im Landesbüro der dpa. Abends saß sie in Versammlungen für den Münchner „Merkur“ und irgendwann dazwischen digitalisierte sie die gedruckte Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“. Sie beschäftigt sich mit Politik, regt sich auf über Unrecht, schreibt Geschichten, die weh tun und darüber, wie Menschen mit ihren Erfahrungen umgehen.

Brigitte Wenger

Brigitte Wenger

… hat fürs Radio das Mikrofon hingehalten: Profisportlerinnen, die das Tabu Menstruation brachen, Regenwürmern, die leise ihre Gänge leerten, Skeletten, die wortlos von Krankengeschichten erzählten. «Beim Radio lernst du schreiben», hat sie mal gehört. Und findet, nach einem Jahrzehnt beim grössten Schweizer Radio habe sie genug geübt. Nein, das junge Talent ist sie nicht mehr. Stört sich aber – solange sie beim Kauf von alkoholfreiem Bier noch nach dem Ausweis gefragt wird – nicht an der vier in ihrem Alter. Und hey: Wer weiss schon, wann ihre Kompetenzen in Sportpädagogik, Umwelttechnik und über skandinavische Ureinwohner von Nutzen sein werden. Mag erste Sätze. Mag es, die Leiter der Abstraktion auf und ab zu steigen. Mag Texte, die mit den Sinnen spielen – um dann flugs den Neocortex infiltrieren. An der Reportageschule will sie ihren Schreibstil entwickeln, Netzwerke knüpfen, akzentfrei Deutsch sprechen und auch letzte Sätze mögen lernen.

Charlotte Köhler

Charlotte Köhler

… ist ein Kind des Ruhrgebiets: Opa Bergmann, Mutter Schalke-Fan. Sie weiß den Menschen aus dem Pott die Geschichte hinter dem „Jo“ zu entlocken und fühlt sich wohl zwischen Fördertürmen und kühlem Pils. Mit 16 fing sie bei der Lokalzeitung an. Dort schrieb sie über Schützenfeste und Matheolympiaden, aber auch über Obdachlosigkeit und Kinderarmut. In Gelsenkirchen studierte sie dann den Journalismus in all seinen modernen Facetten. Für die taz recherchierte sie zu antimuslimischem Rassismus und produzierte in Bottrop, der Stadt mit der letzten Zeche, Klimajournalismus für Jugendliche. Auf Ungerechtigkeit reagiert sie wie auf Laktose – allergisch. Sie will schreiben, um Menschen eine Stimme zu geben, die sonst nicht gehört werden. Sie liebt den Austausch mit Kolleg:innen, die ihre Leidenschaft teilen. Das Jahr in Reutlingen wird wohl auch deshalb ein sehr glückliches. Journalistische Stationen waren taz, Frontal 21 und CORRECTIV. Die Ausbildung an der Reportageschule ermöglicht ihr ein Stipendium der FAZIT-Stiftung.

Franziska Pröll

Franziska Pröll

… liebte das Schreiben schon, als sie in der vierten Klasse einen Aufsatz über ihren Kater verfasste. Mit 16 Jahren machte sie ihr erstes Praktikum bei der Lokalzeitung, schrieb über Schiedsrichterinnen und Glückskeksbäcker. Fragen zu stellen, Lebenswelten zu erkunden, das fand sie so toll, dass sie beschloss, nie wieder etwas anderes zu tun. In Mainz und Valencia studierte sie Soziologie und Publizistik, stellte fest, dass es in den Seminaren viel um „die Medien“, aber wenig ums Schreiben ging. Also besuchte sie studienbegleitend die Journalistenschule ifp in München, machte Praktika und begann, als freie Autorin zu arbeiten. Ihre Beiträge erscheinen u.a. in der FAZ, SZ und bei Zeit Online. Neben Bildung und Gesellschaft geht es ihr vor allem um Lateinamerika. Von dieser Region ist sie fasziniert, seit sie durch Peru reiste und in Mexiko zu Gewalt an Frauen recherchierte. In Berlin machte sie einen Master in Lateinamerikastudien und kann sich seither sogar auf Quechua unterhalten. An der Reportageschule will sie lernen, Geschichten in all ihren Graustufen zu erzählen – und zwar so, dass sie nachhallen. Die Ausbildung ermöglicht ihr ein Stipendium der FAZIT-Stiftung.

Helena Weise

… wandert für das Schreiben immer weiter gen Süden. Der erste Atemzug Hamburger Seeluft musste für die Kindheit und Jugend in der mittelhessischen Provinz etwas länger reichen – ein Lebensabschnitt, der mithilfe eines Reimlexikons detailreich dokumentiert wurde. Später fanden die Gedichte dann Ersatz durch Foto-Lovestories in der Schülerzeitung. Nach den ersten journalistischen Anläufen bei der Lokalpresse zog es Helena zum Politikstudium nach Bonn und zum Leben nach Köln. In der Straßenbahn 18 eingeschlafen, verbrachte sie ein halbes Jahr in Istanbul und forschte im Anschluss zu den türkisch-europäischen Beziehungen. Der Journalismus drängelte sich dann aber doch wieder dazwischen: Stationen waren Deutsche Welle, FAZ, taz. Pünktlich zur ersten Corona-Welle schloss sie sich mit ihrer Masterarbeit und der Unmöglichkeit des feministischen Subjekts in ihrem Zimmer ein. An der Reportageschule will sie lernen, borstige Geschichten aufzuschreiben, statt sie glatt zu striegeln.

Jannik Jürgens

... mag Neuanfänge und hat deswegen immer wieder neu angefangen. In der kanadischen High-School, beim Arabisch-Lernen oder als Touristenführer in Marseille. Manchmal hat der Neuanfang funktioniert (Schuljahr bestanden!), manchmal ist er gescheitert (Arabisch wird er nie sprechen). Und manchmal hat der Neuanfang ihn von seiner Leidenschaft, dem Reporterdasein, entfernt (Den Touristen wird er die rebellische, südfranzösische Hafenstadt nicht mehr näherbringen). Er schrieb er beim Argentinischen Tageblatt in Buenos Aires und den Westfälischen Nachrichten in Greven und hat in Freiburg und Aix-en-Provence Politikwissenschaften studiert. Nun hat er seinen Job als Lokalredakteur bei der Badischen Zeitung an den Nagel gehängt, um auf der Reportageschule zu lernen, wie er als freier Journalist von seiner Arbeit leben kann. Er freut sich auf ein Jahr, das dem Schreiben und der Recherche gewidmet sein wird. Außerdem wird er auf dem Rad die schwäbische Provinz erkunden. „Ein mutiger Schritt aus Liebe zum Sujet“, kommentierte ein Kollege beim Abgang aus Freiburg.

Joshua Kocher

Joshua Kocher

… schrieb seine ersten Texte über Fasnachtsmusik, Taubenzüchter und Rebschneidemaschinen. Er fing als Lokalreporter vor seiner Haustür an: am Kaiserstuhl. Nebenher studierte er in Freiburg einigermaßen lustlos (aber fertig) Geschichte und Germanistik, nur um zu merken, dass er eher praktisch veranlagt ist. Rausgehen statt nachblättern. Das tat er dann auch – bei seinem Volontariat bei der “Badischen Zeitung”. Für seine Reportagen fuhr er in Funklöcher, flog über den Schwarzwald und tauchte in die Geisterwelt ab. Joshua mag das Dorfleben, auch, wenn er schon vorgeworfen bekam, Themen hochzukochen – aber nur wegen seines Nachnamens. Er sucht die großen Themen im Kleinen: Dürre, Diesel, Digitalisierung. Und er reist gerne, zum Beispiel für den “Tagesspiegel” nach Albanien und Tansania. Sonntags stand er jahrelang auf Kreisliga-Fußballplätzen, grätschte, fluchte und jubelte. An der Reportageschule will er mutig sein, sein Werkzeug richtig einsetzen und lernen, auf sich selbst zu hören.

Paul Gäbler

...machte Abitur und wollte eigentlich Schauspieler werden. Nach Rollen als Neonazi und Strichjunge sowie 19 Absagen von Schauspielschulen sehnte er sich nach einem normalen Leben, reiste mit Rucksack und Gitarre durch Südamerika und studierte anschließend Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie in Berlin. Bei Jung&Naiv sammelte er zwei Jahre Redaktionserfahrung und drehte seinen ersten Film. Als Autor hat er für den „Tagesspiegel“, den „Freitag“, „Jacobin“ und den „Volksverpetzer“ geschrieben und produziert seit zwei Jahren den Res Publica Podcast. Mit der Kamera und viel gutem Willen begleitet er die sogenannte “Querdenker”-Bewegung seit ihrer Entstehung und versucht den Wahnsinn, der sich dort abspielt, besser einordnen zu können. Wenn sein Frust über die politische Ideenlosigkeit im Land zu groß wird, setzt er sich ans Klavier und freut sich, die Welt da draußen für einen kurzen Moment zu vergessen.

Pia Stendera

Pia Stendera

… fährt als Nachwendekind lieber Regionalexpress als ICE. Sie ist im gesellschaftlichen Wandel aufgewachsen. Rückblickend wirkt das Soziologiestudium naheliegend, war aber eher dem Zufall geschuldet. Sie hat schon im Hort eine Zeitung herausgegeben, träumte aber lange davon, als Kommissarin zu ermitteln. Nach der ersten Demonstration im Jugendalter wollte sie lieber Richterin werden – unpassend, wenn das Auswendiglernen langweilt. In der Arbeit als Kellnerin hat sie ihren Charme entdeckt, als Büroleiterin die Ehrfurcht vor alten weißen Männern verloren. Sie hat Afrika, Vorderasien und Südamerika bereist, noch bevor sie das erste Mal nach Westdeutschland fuhr. Inzwischen recherchiert sie eher in Akten als sie zu füllen und beobachtet Prozesse von der Pressebank aus. Sie pendelt zwischen Stadt und Land, Arbeiterschicht und Bürgertum, Ost und West. Was sie sieht, schrieb sie bisher für die taz, Übermedien, Jetzt und Zeit Online auf.

Sophie Laaß

Sophie Laaß

… verbrachte den Lockdown mit ihrer Bachelorarbeit am Schreibtisch. Und hat sich für ihr restliches Leben vorgenommen, diesen so oft wie möglich zu verlassen: Schließlich liegen Hintergründe ebenso wie die Geschichten auf der Straße. Geboren in Dessau, hielt es Sophie schon als Kind nicht lang zuhause aus. Mit 14 packte sie die Koffer und zog ins Internat. Dort lernte sie zunächst viel über Notentexte und merkte irgendwann, dass sie Hunter S. Thompson interessanter findet als Bach. Also drehte sie Kurzfilme mit dem MDR, bloggte bei netzpolitik.org und schrieb für die Potsdamer Neuesten Nachrichten. Parallel dazu studierte sie Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder) und lernte in Sankt Petersburg, das “R” zu rollen. Schrieb viel über Ostdeutschland und Osteuropa und mag seitdem die guten Nachrichten am liebsten. An der Reportageschule will sie lernen, daraus lange Geschichten zu machen. Und würde sich dafür sogar mal an einen Schreibtisch setzen.

Yves Bellinghausen

Yves Bellinghausen

… wurde 1993 in Köln geboren und ist dort aufgewachsen. Nach dem Abitur ein Jahr in Buenos Aires als Koch gearbeitet. Danach Studium der Politikwissenschaft und Philosophie in Marburg, Frankfurt am Main, Stellenbosch und Madrid. Als Lokalreporter für die “Oberhessische Presse” über das berühmte Jubiläum im Altersheim geschrieben und für die “Mitteldeutsche Zeitung” knallige Überschriften in der Onlineredaktion gesetzt. Zwei Semester lang Journalistik in Leipzig studiert, dabei aber gemerkt: Der Vorlesungssaal ist nicht der beste Ort, um schreiben zu lernen. Deshalb lieber viele Praktika gemacht (u. a. “Tagesspiegel”, F.A.Z., SZ-Magazin) und für Recherchen an der Polarkreis und nach Transnistrien geflogen. Zuletzt dank eines Recherchestipendiums der Heinz-Kühn-Stiftung in Äthiopien gearbeitet. Recherchiert gerne im Ausland und zu den Themen Klima, Digitalisierung und Gesellschaft. Den Besuch an der Reportageschule ermöglicht ihm ein Stipendium der FAZIT-Stiftung.