Die essayistische Reportage

05.09.2012

Workshop am Samstag, 29. September 2012, von 10 bis 17 Uhr in der Reportageschule Reutlingen

Hartnäckig hält sich das Gerücht unter den schreibenden Kollegen, dass der Essay die Königsdisziplin sei. Das Problem ist nur, dass die Monarchie hierzulande abgeschafft wurde, und es hierzulande kaum noch Könige gibt, die diese Form dramaturgisch und stilistisch beherrschen. Was heutzutage alles so unter dem Label Essay firmiert, erweist sich bei näherem Hinsehen als schlichter Besinnungsaufsatz, wie wir ihn aus den Deutsch-Leistungskursen kennen. Seine intellektuelle Steigerung erfährt er allenfalls noch in dem oft „bewitzelten Versuch einer Annäherung“ einer Seminararbeit an der Uni.

Es müsste unserer Zunft zu denken geben, dass die besten Essayisten der Gegenwart Autorinnen und Schriftsteller sind, die sich mit dem Verfertigen von Romanen einen Namen machten und nicht wir Journalisten. Gehen unsere literarische Kollegen spielerischer mit dieser poetischen Sachprosa um? Verstehen sie mehr von der Inszenierung des richtigen Augenblicks? Schreiben Sie eher tiefschürfend? Und wir Journalisten eher weitschweifend? Was unterscheidet den Reporter vom Essayisten, wo doch beide Genre von der genauen Beobachtung leben? Der Essay ist das Eitelste aller Genres und eine Spielwiese für Narzissten. Denn die reflektierende Selbstbespiegelung ist Teil seines Wesens.

In Zeiten des sogenannten Informationszeitalters, das trotz oder wegen seiner dauernden Medienumbrüche intellektuell auf der Stelle tritt, könnte der Essay die Entdeckung der Langsamkeit, das Widerlager im Räderwerk sein. Doch er ist widerborstig, er ist langsam und er denkt nicht in Informationsverwertungskategorien. Was für viele heutige Lifestyle-Texte zutrifft („Mein Artikel tut doch niemandem was, er will doch nur spielen“) widerstrebt jedem guten Essay. Er nimmt die Welt ernst, er greift stets auf profunde Sachkenntnisse aus allen wissenschaftlichen Bereichen zurück. Die nimmt er neu in den Blick und wendet sie vor den Augen des Lesers, sodass ein gewagtes originelles Gedankenkonstrukt entsteht – im besten Fall. Er hat keine Angst vor Abstraktionen, ist theorieverliebt und weiß diese Liebe sinnlich zu vermitteln. Er ist ein Leseverführer. Die, die sich von ihm verführen lassen, müssen sich allerdings auf das Lesen verstehen und dessen intellektuelle Empathie teilen.

Ablauf

Mein Werkstatttag über den Essay beginnt mit der Auswertung vorab eingereichter essayistischer Arbeiten. Das geschieht in diskursiver Beratung mit den Teilnehmern. Es müssen keine ganzen Essays geliefert werden, es reichen Passagen, von denen die Autoren denken, das sei ein Essay.
Wir reden über das Anfertigen von politischen Essays, (was man von Orwell und Biermann lernen kann). Wir reden über den philosophischen Essay (Montaigne bis Benjamin), auch über Gegenwartsessayisten (Diez, Rutschky, Lewitscharoff).

Wir werden gemeinsam in Erfahrung bringen für welche Ressorts der Essay eine taugliche Form sein könnte. Da die meisten Teilnehmer aus der „Reportage“- Ecke kommen, wird ein besonderer Schwerpunkt dieser Werkstatt die Genreverwandtschaft und Abgrenzung behandeln.

Dozent

Der Dipl.-Soziologe Andreas Öhler, (Jahrgang 1958), studierte an der Freien Universität Berlin, Literatursoziologie, Politik, Publizistik und Psychologie und war Mitbegründer der „Essaykooperative“ unter Prof. Urs Jaeggi. Danach folgte ein Postgraduiertenstudium im Fach Journalistik in Stuttgart Hohenheim. Öhler war Co-Autor und Regieassistent namhafter Dokumentarfilmessayisten, ab 1994 selbst Regisseur von mehreren Fernsehdokumentationen für ARTE, 3Sat, ARD und ZDF.

Daneben zusammen mit Trude Trunk Autor zahlreicher Essays über Architektur, Kino, Literatur. Fellow-Assistent von Wolf Biermann im Wissenschaftskolleg zu Berlin.
Von 2000-2010 Literaturredakteur des Rheinischen Merkur in Bonn. Seit 2010 Redakteur und Autor bei der ZEIT-Beilage Christ und Welt.